Denkanregungen

Die Frage, wie sich der Medienkonsum auf die Fähigkeit zur Konzentration auswirkt, beschäftigt die Erziehungswissenschaft schon seit langer Zeit und in vielfältiger Form. Ich erinnere mich an Klagen von LehrerInnen, die über SchülerInnen in den ersten Stunden nach einem fernsehreichen Wochenende  klagten, diese würden den Eindruck erwecken, deren Gehirn sei noch immer an das Fernsehprogramm der Vortage angeschlossen. Es gelang kaum, diese Kinder auf ein anderes, unterrichtsrelevantes Thema zu konzentrieren. Eine Wirkung von Medien, egal welcher Art (ob Handy, Computer, Fernseher u.a.), ist die Inanspruchnahme unserer Gehirnfunktionen. Sicherlich kann der Mensch sich gleichzeitig auf mehrere Dinge konzentrieren. Aber die steigenden Unfahlzahlen, die auf den Handygebrauch beim Autofahren zurückzuführen sind, sprechen eine deutliche Sprache: Man kann sich eben doch nicht so gut auf zwei Dinge konzentrieren. In einem kürzlich veröffentlichten Interview hat Günter Grass festgestellt, dass die Fähigkeit zur Konzentration durch Mediennutzung abnehme: "Lesen heisst ja, zu einem abstrakten Schriftbild etwas zu imagininieren. Das ist ein tätiger Vorgang, während Fernsehen und alles, was über die kleinen Gerätchen läuft, nur bedient. Eine Folge ist eine deutliche Abnahme der Fähigkeit, sich konzentrieren zu können. Die ist aber vonnöten beim Lesen." Und eine vielleicht noch wichtigere Folge des wachsenden Medienkonsums ist der Verlust von eigenen, unmittelbaren Erfahrungen. Hierzu hat Helmut Sturm eine sehr aufschlussreiche Frage aufgeworfen: "Wenn Erfahrung bedeutet, Welt zu erfahren, sie zu entdecken, sich auf sie einzulassen, selbst Wege zu finden, sie sich zu erschliessen, erfahren zu werden, anzuknüpfen an Vorgängiges, aufzubewahren, zu bewahren, einzugreifen und die Eingriffe in ihren Wirkungen und Wechselwirkungen zu erleiden oder zu genießen, sie zu erkennen, die aktiven, intendierten oder imaginierten, die passiven und aktiven Bewegungen als bewusst gestaltete Beziehungen aufzubauen, ist vor der Welt der Bildschirme Erfahrung überhaupt noch möglich?" Diese Frage sollte diskutiert werden, bevor man die Schulen immer mehr mit Bildschirmen ausstattet und diesen zunehmend den  Bildungsprozesse überlässt. 

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