Forschungsprojekt

 

Leben und Arbeit Lernen - Forschungsprojekt über Neuansätze beim Übergang Schule-Beruf am Beispiel einer strukturschwachen Region

 „Der Kern des sozialen Problems liegt heute im Arbeitsmarkt.” (Pfaller, 2010, S. 2)

Angesichts der jüngsten wohlfahrtsstaatlichen Transformationprozesse und des Strukturwandels von Bildung und Ausbildung (vgl. ALLMENDINGER 1999; SOLGA 2005; SOLGA/POWELL 2006; WALTER/WALTHER 2007; BAETHGE/SOLGA/WIECK 2007; BERESWILL u.a. 2012; MAIER/VOGEL 2013) bei gleichzeitiger Prekarisierung von Erwerbsarbeit (BRINKMANN u.a. 2006, WSI-MITTEILUNGEN 8/2011, VÖLKER 2013), die immer noch als zentrale Vergesellschaftungsinstanz im Hinblick auf Statuszuweisung und soziale Anerkennung fungiert (vgl. KRONAUER 2008, S. 148; VÖLKER 2013, S. 149) lenkt das Forschungsprojekt die Aufmerksamkeit auf Adressaten und Adressatinnen institutioneller Interventionen im erwerbezogenen Übergang, die vor allem aufgrund anhaltender Ausbildungs- bzw. Erwerbslosigkeit vielfältigen Ausgrenzungs- und Prekarisierungrisiken ausgesetzt sind. Diese Risiken werden im Folgenden als „[m]angelnde ökonomische, kulturelle und soziale Ressourcen“ verstanden, die […] den Aufbau einer gesicherten Identität und Biografie [verhindern]“ (BARTH/TUMBRIK 2011, S. 203; vgl. Bourdieu 1983).

 

Trotz des breiten Angebots von Förderstrukturen und Angeboten, die von der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter bereit gestellt werden, um (junge) Menschen in Erwerbsarbeit zu integrieren, gibt es bundesweit eine ernstzunehmende Personengruppe, die nicht in Ausbildung oder Erwerbsarbeit vermittelt werden kann. Eine von wohlfahrtsstaatlichen Grundleistungen längerfristig abhängige Lebensführung charakterisiert einerseits den Lebenslauf erwerbsloser Jugendlicher unter 25 Jahren, die häufig mehrere Jahre in Maßnahmen des sogenannten beruflichen Übergangssystems verbringen bevor sie einen Ausbildungsplatz oder eine Beschäftigung finden. Sie weisen „diskontinuierliche Bildungsbiographien“ auf und sind mit Erfahrungen von sozialer Ungleichheit konfrontiert (vgl. Zahradnik u.a. 2012). Es betrifft aber auch eine wachsende Gruppe von jungen Erwachsenen (über 25 Jahre), denen trotz vielfältiger institutioneller Förderung der Übergang in eine dauerhafte Beschäftigung verwehrt bleibt, so dass ihr Alltag und Lebensverlauf längerfristig von institutionellen Interventionen strukturiert bleibt. Gerade die Versorgung bzw. Vermittlung der letztgenannten Gruppe der jüngeren Erwachsenen stellt nach Aussagen der Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen für die Region Uelzen im Bundesland Niedersachsen eine besondere Herausforderung dar (Minaard 2014). Ihre Kohorte wird als ressourcenarm und durch multiple Problemlagen gekennzeichnet beschrieben wie bildungsarme und finanzschwache familiäre Verhältnisse, innerfamiliäre Konfliktdynamiken, vielfältige psychische und gesundheitliche Schwierigkeiten, so dass „die Bewältigung eines geregelten Alltags und auch einer regulären Schullaufbahn” durch die Personengruppe als „sehr erschwert“ erscheinen (vgl. ebd., S. 1)

 

Dem Gelingen institutioneller Interventionen im erwerbsbezogenen Übergang wird im Sinne einer Erweiterung der gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten von (jungen) Erwachsenen politische Relevanz beigemessen. In dem Forschungsprojekt geht es darum, Möglichkeiten in Bildungs- und Fördermaßnahmen zu untersuchen und zu erproben, die eine bisherige Fixierung auf den Ersten Arbeitsmarkt zunächst relativieren bzw. sogar vorübergehend aufgeben. Zu erprobende Maßnahmen sollten die Menschen in ihrer sogenannten „berufsbiografischen Gestaltungskompetenz“ fördern; d.h. man muss diese Menschen auf eine Lebensrealität vorbereiten, in der sich unterschiedliche Phasen von Beschäftigung, Teilnahme an Fördermaßnahmen oder auch von Erwerbslosigkeit ablösen (vgl. Vogel 2013). Einerseits sollten die ideelle Reflexion und praktische Ausgestaltung eines „guten“ Lebens – ggf. auch ohne Arbeitsstelle – der beschriebenen Personen Ziel der pädagogischen Arbeit sein, andererseits darf das Ziel einer nachhaltigen Integration in den Arbeitsmarkt nicht definitiv aufgegeben werden. Das Nebeneinan¬der beider Ziele würde einen Paradigmenwechsel im Vergleich zu den bestehenden Maßnahmen bedeuten, der in dem Forschungsvorhaben in Theorie und Praxis analysiert werden soll.

 

Im Zuge des demografischen Wandels stehen Hoffnungen auf eine allgemeine Entspannung des Arbeitsmarktes Befürchtungen über einen drohenden Fachkräftemangel gegenüber. Einem mög-lichen Fachkräftemangel, der auch in der Region Uelzen diskutiert wird, könnte man durch entsprechende Maßnahmen im Bildungsangebot der Region ggf. begegnen. Eine vom Soziologi-schen Forschungsinstitut der Universität Göttingen (SOFI) durchgeführte Studie zu Perspektiven von Ausbildung und Arbeit im demografischen Wandel sieht im Hinblick auf die Bewältigung demografisch bedingter Arbeitskraftengpässe Chancen für anstehende Bildungs- und Berufsbildungsreformen (Soziologisches Forschungsinstitut 2010). Die Studie empfiehlt eine Strategie zur Verbesserung des kognitiven Niveaus von Hauptschulabgängern, eine intensive Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, gezielte Aktivitäten zur Veränderung geschlechtertypischer Berufswahlmuster und eine bessere Verzahnung von Übergangssystem und voll qualifizierendem Berufsbildungssystem. Die hier aufgeführten Empfehlungen sollten auch bei der Durchführung des Forschungsprojekts berücksichtigt werden und könnten einen Beitrag dazu leisten, den auch in der Region Uelzen drohenden Fachkräftemangel abzuschwächen.