Denkanregungen

Jugendproteste in Großbritannien Ende August 2011 haben die  Öffentlichkeit aufgeschreckt und die Frage aufgeworfen, ob der Funke auch auf Deutschland überspringen kann.

 

Krawalle in Großbritannien - auch für Deutschland eine Mahnung?


Die Befürchtungen, auch in Deutschland könnte die Jugend wie in London und anderswo in Europa rebellieren, werden schnell mit dem Hinweis auf die geringe Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland zurückgewiesen. Aber auch wenn es bei uns noch nicht zu Krawallen wie in England oder zu Jugendprotesten wie anderswo auf der Welt gekommen ist, unterscheidet sich die deutsche Entwicklung auf dem Ausbildungs- uns Arbeitsmarkt nicht grundsätzlich von den anderen europäischen Ländern und es gibt für Politiker und Wirtschaft keinen Grund, sich ruhig zurückzulehnen. In Deutschland wird bei den Diskussionen oft auf eine im europäischen Vergleich geringe Jugendarbeitslosigkeit von 9,1 % verwiesen. Diese Quote der jugendlichen Arbeitslosen legt aber nur eine Teilwahrheit der Situation frei; denn die in Deutschland nach wie vor fehlenden Ausbildungs- und Arbeitsplätze werden lediglich durch ein weitgespanntes, sogenanntes Übergangssystem Schule-Beruf verschleiert. Trotz dem man seit 2010 in Deutschland eine geringe Entspannung auf dem Ausbildungsstellenmarkt feststellt, konnte auch nach der aktuellen Statistik des Bundesinstituts für Berufsbildung (Berufsbildungsbericht Datenreport 2011, S.82) fast die Hälfte der Jugendlichen (46 %) , die eine duale Ausbildung anstrebte (51 % eines Jahrgangs) , keine solche Ausbildung antreten. Ihnen wird die Botschaft vermittelt, sie seien noch nicht ausbildungsreif oder sollten durch einen höheren allgemeinbildenden Schulabschluss ihre Chancen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt verbessern. Sie landen in vollzeitschulischen Berufsbildungsgängen oder in Maßnahmen verschiedener öffentlicher und karitativer Anbieter. So hat sich in Deutschland mit dem sogenannten Übergangssystem eine riesige „Warteschleife“ für junge Menschen auf der Suche nach Ausbildungs- und Arbeitsplätzen herausgebildet, die jährlich etwa 6 Milliarden Euro an Steuergeldern verschlingt. Für die Betroffenen im Übergangssystem wird oft schon ein unbezahlter Praktikumsplatz als großer Erfolg gewertet, ein Ausbildungsplatz entspricht einem Sechser im Lotto. Und auch die qualifikatorischen Leistungen des Übergangssystems werden von Experten eher kritisch beurteilt; denn auch nach Durchlaufen einer oder mehrerer Maßnahmen im Übergangssystem werden die Chancen der Jugendlichen auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt kaum besser. Vielen gelingt es – wenn überhaupt – erst nach mehreren Jahren, in das reguläre duale Berufsbildungssystem einzumünden. Das steigert die Frustration der jungen Menschen und kann letztendlich sowohl unserer Gesellschaft als auch der Wirtschaft teuer zu stehen kommen. Schon heute zeichnen sich Probleme wie der Fachkräftemangel und eine zukünftige Finanzierung der Sozialsysteme deutlich ab. Darüber hinaus hatte der Sozialpsychologe Erich Fromm bereits vor über 50 Jahren eine deutliche Mahnung ausgegeben: „Der Wille zu zerstören muss entstehen, wenn der Wille, etwas zu schaffen, nicht befriedigt werden kann.“

 

Thomas Vogel

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